Logo in der Kopfzeile
Kopfzeile

ZfS, Jg. 43, Heft 6 (2014)

Organisierte Plötzlichkeit. Eine prozesssoziologische Erklärung antisymmetrischer Gewaltsituationen

Thomas Hoebel

Zusammenfassung: Der vorliegende Beitrag beschäftigt sich aus prozesssoziologischer Sicht mit der Frage, wie Gewalt in sozialen Situationen möglich wird und aufrechterhalten werden kann. Er schließt an die von Randall Collins entwickelte Mikrosoziologie der Gewalt an, die emotionale Hindernisse gewalttätigen Handelns in sozialen Interaktionen betont. In einer Reinterpretation der Massenerschießungen von Józefów (1942) wird untersucht, wie sich eine Situationsdynamik entfalten konnte, im Zuge derer die Täter in der Lage waren, ihren Tötungsauftrag in unmittelbarer Interaktion mit ihren Opfern zu erfüllen. Das Erklärungsangebot für diese aus mikrosoziologischer Sicht unwahrscheinliche Dynamik eines über Stunden andauernden Tötens liegt in der Identifikation eines besonderen Prozessmusters: der organisierten Plötzlichkeit dieses Geschehens. Diese stellt eine Dominanztechnik dar, um die Ausübung von Gewalt trotz emotionaler Widerstände sicherzustellen, und lässt Gewalt unter bestimmten Voraussetzungen als organisierbar erscheinen.

Schlagworte: Gewalt; Soziale Prozesse; Interaktion; Organisation; Antisymmetrische Gewaltsituationen; Massentötungen; Genozid; Plötzlichkeit