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ZfS, Jg. 39, Heft 2 (2010)

Spekulative Kommunikation und ihre Stigmatisierung – am Beispiel der Verschwörungstheorien. Ein Beitrag zur Soziologie des Nichtwissens

Oliver Kuhn

Zusammenfassung: Falsche oder spekulative „Verschwörungstheorien“ bieten der Wissenssoziologie ein Beispiel für stigmatisiertes Wissen. Den theoretischen Rahmen für die Analyse des zugrundeliegenden Stigmatisierungsprozesses liefert der Vorschlag, „Spekulation“ als einen dritten Wert anzusehen, der den binären Wahrheitscode (wahr/falsch) unterläuft: Über ihre Wahrheit kann nicht entschieden werden. Dieser Stellung spekulativer Kommunikation zum Wahrheitscode entspricht eine tiefe Ambivalenz: Kontrastiert mit erwiesener Unwahrheit ist sie eine Erkenntnishoffnung, vom Wahrheitsanspruch aus eine Enttäuschung. Für die Wissenssoziologie lohnt die Analyse der kommunikativen Konflikte um die mutmaßlichen Grenzen des Wissens, weil jede Wissensproduktion zugleich die Repression und Marginalisierung unlauterer Behauptungen beziehungsweise eine Markierung von Grenzfällen erfordert. Die typisch ontologische Begründung dieser Exklusionsprozesse beschreibt die dabei zugrundegelegten „Prüfmethoden“ selbst als konstruktionsextern. Dies soll durch eine konstruktivistische Perspektive korrigiert werden: „Empirische Prüfung“ wird dann als immanente Selbstkonfirmierung der Wissenskonstruktion verstanden.