Logo in der Kopfzeile
Kopfzeile

ZfS, Jg. 16, Heft 1 (1987)

Information und kriminelle Karriere. Über die Konstruktion von Realität in Justizakten

Dieter Hermann

Zusammenfassung: Die Konstruktion von Wirklichkeit in Justizakten kann durch verschiedene Modelle beschrieben werden. Sind über einen Klienten schon Akten vorhanden und zugänglich, hat ein Aktenproduzent die Möglichkeiten, sich entweder an diesen Akten zu orientieren (Modell der Informationskonservierung), oder den Klienten selbst als Informationsquelle zu benutzen (Modell der realitätsorientierten Informationsgewinnung). Die hier durchgeführte empirische Überprüfung dieser Modelle basiert auf Analysen von Berichten der Jugendgerichtshilfe, auf Urteilsbegründungen und Bewährungshilfeakten über Jugendliche und Heranwachsende, die zu einer Bewährungsstrafe verurteilt wurden. Die Untersuchungsergebnisse sprechen für eine weitgehende Gültigkeit des Modells der realitätsorientierten Informationsgewinnung. Nur bei der Informationsübermittlung zwischen Jugendgerichtshelfer und Richter ist bei bestimmten Themen das Modell der Informationskonservierung angemessener. Die Zuverlässigkeit der Akteninformationen ist, so ein weiteres Untersuchungsergebnis, weitgehend von informationstechnischen Bedingungen abhängig - insbesondere von der Qualität und Quantität zwischen Aktenproduzent und Klient. Somit sind subjektive Akteninformationen nur sehr eingeschränkt als unverzerrtes Abbild der Realität interpretierbar. Die zusätzlich geprüfte These, daß Akteninformationen eine Eigendynamik haben, die zu einer immer negativeren Bewertung des Klienten führt, kann abgelehnt werden.

Schlagworte: Informationsgewinnung, Akteneinsicht, Realität, Justiz, Klient