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ZfS, Jg. 15, Heft 6 (1986)

Über die Zivilisierung der Eßlust

Stephen Mennel

Zusammenfassung: Dieser Aufsatz diskutiert Wandlungen in den Mustern der Kontrolle des Appetits in der europäischen Gesellschaft seit dem Mittelalter. Offenbar hat sich diese Kontrolle in einer spezifischen Richtung verändert - ähnlich wie jene über die Körperfunktionen und den Gebrauch von Gewalt, die Norbert Elias in 'Über den Prozeß der Zivilisation' untersucht hat - nämlich in Richtung auf gleichmäßigere und zugleich umfassendere Kontrollen. Im Mittelalter herrschte in allen sozialen Rängen ein oszillierendes Muster des Essens vor - im Zusammenhang mit der allgemeinen Unsicherheit des Lebens und der Nahrungsversorgung im besonderen. Zwänge zur Kontrolle des Appetits - seitens der Kirche, durch Luxusgesetze und seitens der ärztlichen Meinung - tragen eher die Merkmale von Fremdzwängen als von Selbstzwängen. Die Anfänge einer größeren Selbstkontrolle über die Eßlust können in Oberschichtenkreisen im 18. Jahrhundert beobachtet werden, als sie sich von niedrigeren Rängen der Gesellschaft mehr durch die Delikatesse als durch die Quantität ihrer Speisen abzusetzen beginnen. Während des 19. Jahrhunderts wird die Tugend des Maßhaltens zunehmend von bürgerlichen Feinschmeckern propagiert. Das Problem der und die Angst vor Fettleibigkeit verbreiteten sich allmählich die soziale Stufenleiter abwärts, bis im 20. Jahrhundert Schlankwerden und -sein zu einem prominenten Thema der Massenpresse geworden ist. Das Auftreten krankhafter Eßstörungen wie Anorexia und Bulimia nervosa hängt offenkundig ebenfalls mit den sich wandelnden sozialen Standards der Appetitkontrolle zusammen.

Schlagworte: Kontrolle, Ernährung, Fettsucht, Zivilisation, Luxus, Magersucht, Selbstkontrolle