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ZfS, Jg. 14, Heft 2 (1985)

Das Credo eines Metaphysikers

Norbert Elias

Zusammenfassung: Popper beschäftigt sich in seiner Wissenschaftstheorie nicht mit den Wissenschaften als tatsächlichen Gegebenheiten, sondern konstruiert ein unüberprüfbares Idealbild 'der' Wissenschaft. Dabei vernachlässigt er, nach der hier geschaffenen Ausdrucksweise, den Unterschied zwischen eingleisigen, nämlich reinen Beziehungswissenschaften wie formaler Logik und zweigleisigen, nämlich empirisch-theoretischen Wissenschaften wie der Soziologie. Sein deduktionistisches Modell beruht auf der Annahme, daß die 'empirische Basis' der Wissenschaften strukturlos und Ordnung im Grunde nur in der 'Logik', also vermutlich im Denken zu finden sei. Wie andere Vertreter eines solchen nominalistischen Credos in der Tradition der klassischen europäischen Philosophie verkennt er, daß der menschliche Wissenserwerb sich in einem generationenübergreifenden Prozeß der Erweiterung und zum Teil der besseren Anpassung eines gesellschaftlichen Wissensfundus an die vorhandenen Strukturen des Universums vollzieht. Hinweise wie der auf die Notwendigkeit 'intersubjektiver Nachprüfung', die eine Einsicht in die Gesellschaftlichkeit des menschlichen Wissens vortäuschen, stehen fast zusammenhanglos im Gesamtrahmen der wesentlich auf das einzelne Individuum abgestellten Popperschen Gedankengebilde.

Schlagworte: Kritik, Wissenschaftstheorie, Popper, K.