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ZfS, Jg. 8, Heft 1 (1979)

Zeit und Handlung - Eine vergessene Theorie

Niklas Luhmann

Zusammenfassung: Im Werk von VAUVENARGUES (1715-1747) findet sich der Vorschlag, Handlung zu definieren als Gegenbewegung gegen den Zeitstrom, die dadurch notwendig wird, daß die Gegenwart in jedem Moment entschwindet. Zu seiner Zeit war dies eine wenig erfolgreiche Theorie, da damals moralistische und später utilitaristische Begriffe des Handelns bevorzugt wurden. Die dann anschließende soziologische Theorie der Handlungssysteme hat sich mit einer Kritik des Utilitarismus begnügt und hat nicht auf Vorgängertheorien zurückgegriffen. Sie ist niemals zu einem ausreichenden Verständnis der Beziehung zwischen Zeit und Handlung gelangt. Anhand dieser historischen Fallstudie werden einige Probleme der Wissenssoziologie und der Handlungstheorie zur Diskussione gestellt. Vor allem wird gezeigt, daß Theorien mit inkommensurablen begrifflichen Grundlagen (Handlung als Bewegung, Handlung als Ereignis) gleichwohl verglichen werden können, und es wird vorgeschlagen, für Zwecke der Handlungssystemtheorie das Subjekt/Handlungs-Schema durch das Zeit/Handlungs-Schema zu ersetzen.

Schlagworte: Interaktion, Handlungssystem, Handlungstheorie, historische Entwicklung, Aktionsforschung, allgemeine Soziologie, Theorie, Wissenssoziologie, Systemtheorie, Utilitarismus