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ZfS, Jg. 6, Heft 4 (1977)

Gesellschaftliche Reaktionen und erzeugte Abweichung: Der Fall der offensiven Gruppen

Helmut Willke

Zusammenfassung: Der Aufsatz befaßt sich mit drei Aspekten der Abweichung von gesellschaftlichen Normen: 1. kollektive Abweichung als Ergebnis struktureller Zwänge, wie sie von Differenzierungsprozessen in hochkomplexen Gesellschaften notwendig hervorgebracht werden; 2. die Entstehung abweichender Gruppen als Strategie der Anpassung an Anomie und 3. die Frage, ob offensive kollektive Abweichung durch gesellschaftliche Reaktionen auf primäre Abweichung erzeugt wird. Im Anschluß an Merton und Dunphy wird gezeigt, daß Form und Folgen der primären Abweichung von Gruppen von den unterschiedlichen Möglichkeiten, Ressourcen und der Kontrollmacht der Gruppe abhängen. Je nach den positiven oder negativen Rückkopplungsprozessen zwischen individuellen, Gruppen- und sekundären Normensystemen können vier Idealtypen von Gruppen unterschieden werden: konforme, abweichende, produktive und regressive Gruppen. Abweichende Gruppen werden durch 'defensive Strukturierung' gekennzeichnet, wenn sie die herrschenden Werte und Normen nur passiv negieren. Sie werden zu offensiven Gruppen, wenn sie den gesellschaftlichen Normen aktiv zuwiderhandeln und wenn ihre Abweichung funktionale Unentbehrlichkeiten berührt. Meine Hypothese ist, daß das Ausmaß und die Intensität staatlicher Kontrolle bei der Entstehung offensiver Gruppen eine wichtige Rolle spielt.

Schlagworte: Abweichendes Verhalten; Devianz; Konformität; Gruppe; Staatliche Kontrolle; Soziale Normen; Wertsystem