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ZfS, Jg. 4, Heft 4 (1975)

"Männliche" und "weibliche" Rolle - Dynamik und unausgetragene Konflikte

Elisabeth Pfeil

Zusammenfassung: Die Arbeit vergleicht vier Erhebungen, die zwischen 1964 und 1970 in verschiedenen Ländern durchgeführt worden sind (STEINMANN und FOX, USA; ROCHEBLAVE-SPENLE Frankreich; PFEIL, Hamburg und Büdingen versucht ihre Ergebnisse im Sinne einer Longitudinalauswertung zusammenzufassen und kommt hinsichtlich der Fragestellung, des Wandels in der Auffassung der Geschlechterrolle, zu einer abschließenden Interpretation. Zu den schon ausgewiesenen Befunden, daß a) zwischen dem Selbst- und dem Idealbild der Frau Diskrepanzen bestehen, daß b) Männer und Frauen von der Konzeption ihrer Rolle, wie sie das jeweils andere Geschlecht entwickelt, nur mangelnde Vorstellungen haben, daß zugleich aber c) hinzutretende neue Rollenattribute sichtbar werden, die von offenbar allgemeinerer Bedeutung sind, und schließlich d) im Wandlungsprozeß der Geschlechterrollen typische Sequenzen beobachtet werden können: zu diesen Befunden treten die Präzisierungen, daß a) die Rollenbilder hinsichtlich einerseits interner, andererseits externer Emanzipationsmerkmale deutlich variieren - die Orientierung an 'innerfamiliären Werten' bleibt eher konservativ, die Orientierung an Werten der 'Selbsterfüllung' in Beruf, Öffentlichkeit und Freizeit geht ins Progressive -, daß b) das Auseinanderdriften dieser Rollendimensionen, durch die unterschiedlichen Bewertungshaltungen der Geschlechter noch verstärkt, Unsicherheiten sowohl für den Mann impliziert, der eine Verengung der für ihn geltenden Rollenwelt erfährt, als auch für die Frau, die ein eigenes definitives Rollenideal noch nicht gefunden hat, und daß c) diese Unsicherheiten sei es familiäre Krisen, sei es überhaupt eine Mißtrauenshaltung der Geschlechter nach sich ziehen, die nicht zuletzt aus einem Mangel an Freimut, Offenheit und wechselseitiger Aufklärung folgt. Die genannten Ergebnisse werden in Berufsgruppen-, Schichtzugehörigkeits- und interkulturellen Vergleichen noch präzisiert. Im Longitudinalvergleich ergibt sich das Bild, daß Rollenauffassungen, die mit der 'Partnerschaftsehe' verbunden sind, in den letzten Jahren zwar weiter an Boden gewonnen haben - und sich in Zukunft durchsetzen werden -, daß nach wie vor jedoch, ja z.T. sehr gewichtig, traditionell bestimmte Geschlechterrollen nachwirken und sich so eine Konstellation ergibt, die Doppelbelastungen insbesondere für die Frau bedeutet. Die Emanzipation der Frau vollzieht sich nicht in einem Zuge, sondern spannungsgeladen und offenbar nur in Schritten - was auch aus Daten folgt, denen gemäß die Idealvorstellungen, die Frauen von sich haben, paradoxerweise konservativere Züge tragen als das tatsächliche Selbstbild. Die Arbeit vertritt in den Schlußfolgerungen den Standpunkt, daß die pragmatische - und letzten Endes liberale - Lösung, die die gegenwärtigen Rollenprobleme finden sollten, für Mann und Frau nicht in der Angleichung liegen, sondern im Öffnen eines Spielraumes für verschiedene Rollen.

Schlagworte: Geschlechtersoziologie; Geschlechterrollen; Rollenverständnis; Sozialer Wandel; Wertorientierung; Partnerschaft; Internationaler Vergleich; Bundesrepublik Deutschland; Frankreich; USA; Längsschnittstudie