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ZfS, Jg. 4, Heft 1 (1975)

Wissenschaftliche Kontroversen: Über verschiedene Arten von Wissenserzeugung und Wissensgebrauch

Helga Nowotny

Zusammenfassung: In der Wissenschaftssoziologie haben bisher Probleme der Konsensfindung vergleichsweise starke Beachtung erfahren, während selten danach gefragt wurde, warum wissenschaftliche Differenzen weiterhin bestehen. Eine Untersuchung wissenschaftlicher Kontroversen könnte zur Beantwortung dieser Frage beitragen. Kontroversen entstehen nicht nur, wenn kognitive Differenzen bestehen, sondern vor allem, wenn diese Differenzen unterschiedliche Auswirkungen haben. Dies geschieht dann, so lautet die vertretene Hypothese, wenn immer die Art der kognitiven Beziehung zu anderen kognitiven Strukturen - und daher auch der Gebrauch des Wissens - ein anderer ist. Diese Hypothese wird durch Beispiele aus der kognitiven Anthropologie und der Wissenschaftsgeschichte illustriert. Schließlich wird noch das Phänomen der 'Nicht-Kontroversen' erörtert, worunter jene Fälle verstanden werden, in denen kognitive Differenzen zwar bestehen, aber nicht - oder noch nicht - aktiviert wurden. Aus dieser Interpretation der verschiedenen Arten von Wissenserzeugung und Wissensgebrauch lassen sich eine Reihe von Schlußfolgerungen für die sogenannte Wissensakkumulation und für Engpaßsituationen in der Wissenschaftsentwicklung ableiten. 

Schlagworte: Wissenschaftssoziologie; Wissenschaft; Wissenschaftsgeschichte; Wissen; Kontroverse; Konsens; Kognitive Struktur; Kognitive Anthropologie