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ZfS, Jg. 2, Heft 2 (1973)

Soziologische Theorie und historische Erklärung

Richard Münch

Zusammenfassung: Soziologische Theorie und historische Erklärung sind gekennzeichnet durch den Widerstreit unterschiedlicher Ansätze. Nomologische und rationale Erklärung machen sich auf methodologischer Ebene den Platz streitig; Handlungstheorie, Systemtheorie und Lerntheorie auf der soziologischen Ebene allgemeinster Abstraktionsstufe. Es gelingt dem rationalen Erklärungsmodell indessen nicht, gegenüber dem nomologischen einen eigenständigen Charakter zu bewahren. Die drei Ansätze der soziologischen Theorie weisen erhebliche Unzulänglichkeiten auf, die ihre Anwendung zur Erklärung historischer Entwicklungen in Frage stellen. An deren Stelle wird eine Evolutionstheorie vorgestellt, die sich in einigen Aspekten von anderen Versuchen dieser Art unterscheidet. Ausgangspunkt sind die Anforderungen der Umwelt, die eine Individuenklasse zu bestimmten Maßnahmen der Bestandserhaltung zwingen. Ein Zusatztheorem gibt die Bedingungen einer höheren oder niedrigeren Lernkapazität zur Bewältigung der Probleme der Bestandserhaltung an. Subjekte der Bestandserhaltung sind nicht Systeme, sondern Individuenklassen. 'Bestand' bedeutet einen vorgefundenen Standard der Lebenschancen. Als Umwelt kommen alle Tatbestände der Welt innerhalb und außerhalb von Systemen in Frage. Die Anwendung dieser Theorie auf MAX WEBERS Erklärungen des Untergangs des spätrömischen Reiches und der Entwicklung des Kapitalismus stellt die Fruchtbarkeit des evolutionären Ansatzes unter Beweis.

Schlagworte: Soziologische Theorie; Historische Entwicklung; Evolutionstheorie; Umwelt; Bestandserhaltung; System; Individuum; Individuenklasse; Weber; Handlungstheorie; Systemtheorie; Lerntheorie