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ZfS, Jg. 2, Heft 2 (1973)

Anthropologische Voraussetzungen einer Theorie der Sozialisation

Dieter Claessens

Zusammenfassung: Anthropologische Aussagen müssen sich auf Ergebnisse der Evolutionsforschung stützen; daher wird der Mensch als entwickelt und festgelegt zugleich gesehen. Sein 'Biogramm' (COUNT) verweist gleichzeitig auf seine Vergangenheit und seine Möglichkeiten, wie sie sich in seiner neuralen Ausstattung darstellen. Diese Möglichkeiten entwickeln sich in der Ontogenese nur durch rechtzeitige und richtig dosierte Angebote. Aktivitäts-, Geselligkeits-, Sexualitäts-, Sprach und Arbeitskompetenz stellen solche Möglichkeiten dar, die im Insulationsschutz der menschlichen Gruppe entwickelt und entfaltet werden können. Diese Prozesse verlaufen aber nie ohne eine gegenseitige Verflechtung der Interessen der Partner. D.h.: in der Realisierung von Kompetenzen entsteht das soziale Geflecht gegenseitiger bindender Investitionen selbst, das dann einmal 'Kultur' wird. Eine Behinderung der Entwicklung und Entfaltung von Kompetenzen durch ungünstiges Milieu, restruktive oder repressive Verhältnisse kann auch als Verhinderung von Kulturfähigkeit gedacht werden. Damit hätte nicht der Mensch Kompetenzen, sondern nur der durch die gesellschaftlichen Verhältnisse favorisierte. Anthropologische Aussagen würden sich in diesem Bereich als streng historisch gebundene ausweisen.

Schlagworte: Anthropologie; Entwicklungstheorie; Soziokulturelle Evolution; Sozialisation; Mensch; Kompetenz; Kompetenzentwicklung; Kultur; Umwelt; Ontogenese