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ZfS, Jg. 2, Heft 1 (1973)

Relevanz und Trivialität in der soziologischen Forschung

Wilhelm Baldamus

Zusammenfassung: Mit der zunehmenden Verwendung des Wortes 'Relevanz' in der gegenwärtigen Soziologie stellt sich die Frage: Läßt sich eine spezifische Substanz gesellschaftlicher Erkenntnisse identifizieren, die den Anspruch auf ein autonomes soziologisches Paradigma erheben kann und somit das unverbindliche Kriterium 'sozialwissenschaftlicher' Relevanz unbrauchbar macht? Die Frage wird an Hand von repräsentativen Werken der allgemeinen Handlungstheorie und des Survey-Verfahrens im Sinne der üblichen Gegenüberstellung von 'theoretischen' und 'empirischen' Aussagen untersucht. Ein genauer Vergleich von T. PARSONS (The Social System) und H. ZEISEL (Say it with Figures) zeigt, daß wir erstaunlich wenig wissen über konkrete soziologische Arbeitsweisen (im Gegensatz zu formulierten Verfahrensregeln). Es ergibt sich, daß paradigmatische Erkenntnisse theoretischer und empirischer Art unabhängig voneinander zustande kommen; jedes der beiden Paradigmen zeichnet sich durch einen hohen Grad der Standardisierung bevorzugter Arbeitsweisen aus. Infolge der eigentümlichen Doppelgestalt paradigmatischer Stabilisierungsprozesse erfordert eine etwaige Relevanzverlagerung die gleichläufige Veränderung sowohl der theoretischen wie der empirischen Arbeitspraxis. Da die Standardisierung bestimmter Arbeitsweisen im Wege eines historischen Prozesses erfolgt, der sich an pragmatischen Gesichtspunkten des 'Erfolges' konkurrierender Verfahren orientiert, werden 'widerständige Beobachtungen' von ausschlaggebender Bedeutung für die Verwirklichung solcher Veränderungen sein.

Schlagworte: Relevanz; Trivialität; Forschung; Theoriebildung; Theorie; Empirie; Handlungstheorie; Survey-Verfahren; Paradigma; Verfahrensregel; Standardisierung; Parsons; Zeisel