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ZfS, Jg. 1, Heft 4 (1972)

Zur Kritik der empiristischen Forschungspraxis

Richard Münch

Zusammenfassung: Auf der Grundlage der Falsifikationstheorie des kritischen Rationalismus, wie sie von K. R. POPPER, P. K. FEYERABEND und I. LAKATOS entwickelt wurde, richtet sich die Kritik dieser Untersuchung gegen die weithin zur Alleinherrschaft gelangte empiristische Forschungspraxis der Sozialwissenschaften. Diese Forschungspraxis opfert weithin das Wachstum unseres Wissens über menschliche und gesellschaftliche Probleme einem zum Selbstzweck geratene Streben nach Exaktheit und Sicherheit. Im Rahmen der Falsifikationstheorie gelingt es, ein Überprüfungsmodell zu entfalten, aus dem ersichtlich wird, wie weit fruchtbare Theorien von der empirischen Basis entfernt sind, und es deshalb der Entwicklung einer Reihe von allgemeinen und spezifischeren Beobachtungs- bzw. Hintergrundtheorien bedarf, um eine Überprüfung erst zu ermöglichen. Dabei stellt sich heraus, daß infolgedessen in einem Test nicht mehr eine Vereinbarkeit oder ein Widerspruch zwischen einem Basissatz und einer Theorie, sondern allein ein solcher zwischen einer thematisierten Theorie und den Beobachtungs- bzw. Hintergrundtheorien angezeigt werden kann. Daraus ergeben sich einschneidende Probleme für die Frage der Kriterien der Akzeptabilität von Theorien, da wir zunächst nicht wissen können, welcheder sich widersprechenden Theorien auszuscheiden ist. Dieses Problem ist allein mit dem Prinzip des progressiven Wandels zu lösen, demgemäß wir nicht mehr Theorien als solche beibehalten oder verwerfen, sondern Serien von Theorien insofern sie einen progressiven Wandel, d.h. Wachstum an Wahrheitsgehalt oder Verminderung an Falschheitsgehalt, implizieren

Schlagworte: Empirische Sozialforschung; Positivismus; Kritischer Rationalismus; Falsifikation; Falsifikationstheorie; Beobachtungstheorie; Kritik; Empirismus; Popper; Lakatos; Feyerabend