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ZfS, Jg. 1, Heft 3 (1972)

Die Werturteilsfreiheit als praktisches Postulat der Wissenschaft

Heinz Meyer

Zusammenfassung: Unter dem Titel 'Die Werturteilsfreiheit als praktisches Postulat der Wissenschaft' werden Auswirkungen von Werturteilen auf den Erkenntnisprozeß diskutiert: Grundsätzlich erscheint die Erkenntnis anfällig gegen richtungsgegebene Werturteile und Präskriptionen, die den zu adäquater Wirklichkeitserfassung unabdingbaren Prozeß von Hypothesenbildung aus dem Möglichen und Falsifizierung wie Bestärkung aus dem Wirklichen einseitig lenken. Engagiert vertretene Handlungsziele neigen dazu, allein die Fakten zu sehen und zu diskutieren, die ihnen kompatibel sind; sie zeigen derart eine Tendenz zu Selbstbestätigung. Nur im Verzicht auf Werturteile scheint es daher möglich, den Bereich empirischer Gegebenheiten ohne ergebnisbezogene Einschränkungen mit denHypothesen zu konfrontieren. Diese uneingeschränkte Gegenüberstellung ist notwendig, um die Vorentscheidung zu hinterfragen, die im Ansatz von Theorien, Problemstellungen oder Methoden liegen. Mit der Akzeptierung der Wissenschaft als einer Wirklichkeitserfassung - im Gegensatz zur Wirklichkeitsveränderung - erscheint die Werturteilsfreiheit als ein praktisches Postulat, das freilich über die Bereitstellung zu treffender Urteile über die Wirklichkeit indirekt auch in den Dienst der Wirklichkeitsveränderungzu treten vermag.

Schlagworte: Erkenntnisinteresse; Wissenschaft; Wissenschaftsverständnis; Methodologie; Hypothesenbildung; Objektivität; Wirklichkeit; Werturteil; Positivismusstreit; Werturteilsstreit; Wertfreiheit