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ZfS, Jg. 37, Heft 2 (2008)

Kollektive Interessenvertretung im strategischen Dilemma -Atypisch Beschäftigte und die "dreifache" Krise der Gewerkschaften

Hajo Holst, Andreas Aust, Susanne Pernicka

Zusammenfassung: Der Beitrag untersucht die Versuche der deutschen Gewerkschaften, ihre gegenwärtige Krise zu überwinden, am Beispiel des gewerkschaftlichen Umgangs mit atypischer Beschäftigung in drei Feldern: Solo-Selbständigkeit in der Erwachsenenbildung, Leiharbeit und befristete Beschäftigung in externen Callcentern. Es wird gezeigt, wie die Möglichkeiten der Gewerkschaften, sich strategisch zu erneuern, von der spezifischen Form ihrer gegenwärtigen Krise - der "dreifachen" Krise aus Legitimitätserosion, Mitgliederrückgang und Finanzproblemen - eingeschränkt werden. In allen drei Feldern führt die Art ihrer Reaktion die Gewerkschaften in ein strategisches Dilemma zwischen den langfristigen Zielen und den kurzfristigen Durchsetzungsstrategien: Die Gewerkschaften reagieren auf Veränderungen in ihrer "Einflusslogik", indem sie die Interessenvertretungsstrategien anpassen, ohne jedoch die komplementären Veränderungen in ihrer "Mitgliedschaftslogik" nachzuvollziehen. Atypisch Beschäftigte werden als Machtressource für die veränderten Interessenvertretungsstrategien entdeckt, nicht jedoch als vollwertige Mitglieder mit eigenständigen Interessen. Das strategische Dilemma führt zu Repräsentationsproblemen, die mittelfristig die Glaubwürdigkeit des umfassenden Repräsentationsanspruchs der Gewerkschaften aushöhlen.

Schlagworte: Arbeitssoziologie; Gewerkschaften; Gewerkschaftskrise; Legitimität; Finanzierung; Mitglieder; Repräsentation; Atypisch Beschäftigte