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ZfS, Jg. 36, Heft 3 (2007)

Exklusivität und Öffentlichkeit. Über Strategien im literarischen Feld

Walther Müller-Jentsch

Zusammenfassung: Ausgehend von der prekären Profession des Schriftstellers in der modernen Gesellschaft wird in diesem Beitrag zunächst die Frage aufgeworfen, durch welche Mechanismen jemand zum Schriftsteller wird. Die generelle Antwort lautet: im Modus der Anerkennung durch das Publikum und/oder die Schriftstellerkollegen. Die Erfahrung weist literarischen Novizen einen erfolgversprechenden Weg zur Anerkennung durch den Zusammenschluß zu Schriftstellerbünden. Nicht nur als ein Medium der Sozialisation fungieren Künstlergruppen; sie sind in ihren latenten Funktionen ein Substitut für jene fehlenden professionspolitischen Organisationen, über die andere bürgerliche Professionen typischerweise verfügen. Sowohl die Assoziierung der Autoren wie deren kollektives Vorgehen in der literarischen Öffentlichkeit lassen sich als Strategien im literarischen Feld darstellen. Unter dem Gesichtspunkt unserer Fragestellung thematisieren wir Bourdieus Theoriekonzept des literarischen Feldes und seine historischen Analysen, bevor wir mit dem Vergleich zweier einflußreicher literarischer Gruppierungen, dem George-Kreis und der Gruppe 47, aufzeigen, mit welchen unterschiedlichen, ja diametral entgegengesetzten Strategien Autorengruppen "symbolische Gewinne" erwirtschaften, die ihnen nicht nur zur Anerkennung, sondern auch zur Dominanz im literarischen Feld verhelfen. Ein bemerkenswertes Ergebnis ist, daß die "verkehrte Ökonomie" des literarischen Feldes sowohl Exklusions- wie Inklusionsstrategien honoriert: Als erfolgreich erweist sich die Umgehung des Marktes durch (zeitweise) Lösung der Produktion von der Nachfrage (George-Kreis) ebenso wie die Kontrolle des Marktes durch den Aufbau einer kartellierten Verbundwirtschaft von Autoren, Kritikern und Verlegern (Gruppe 47).

Schlagworte: Literatursoziologie; Literarisches Feld; Künstlergruppen; Feldertheorie; Bourdieu