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ZfS, Jg. 35, Heft 5 (2006)

Geschlecht als Leistungsklasse. Der kleine Unterschied und seine großen Folgen am Beispiel der "gender verifications" im Leistungssport

Marion Müller

Zusammenfassung: Die Geschlechtersegregation im (Hoch-)Leistungssport mit unterschiedlichen Wettbewerben und Regeln für Frauen und Männer wird mit der körperlichen Geschlechterdifferenz und der damit verbundenen sportlichen Leistungsfähigkeit begründet. Unklar bleibt jedoch, warum nicht auch andere Merkmale, deren Korrelation mit sportlichen Leistungserfolgen mindestens genauso offensichtlich ist, zur Bildung von Leistungsklassen herangezogen werden. Beispiele hierfür sind die Körpergröße oder die ethnische Herkunft. Am Phänomen der bis vor einigen Jahren üblichen Praxis der labortechnischen Überprüfung der weiblichen Geschlechtszugehörigkeit im Wettkampfsport kann nachgewiesen werden, dass die besondere Relevanz der Geschlechterdifferenz im Sport sich nicht allein durch den Verweis auf Leistungsdifferenzen erklären lässt. Vielmehr scheint die latente Funktion der Geschlechtertrennung im Wettkampfsport in der Markierung, dramatischen Inszenierung und Reproduktion der Geschlechterdifferenz zu liegen. Geschlecht ist demzufolge neben dem Leistungsprinzip ein konstitutives Strukturmerkmal des Sports. Die Gründe hierfür liegen vermutlich in der historischen Parallele der funktionalen Ausdifferenzierung des Sportsystems und der Etablierung der Geschlechterdifferenz als universell gültiges Ordnungsprinzip im 19. Jahrhundert.

Schlagworte: Geschlecht; Geschlechtersoziologie; Geschlechterdifferenz; Segregation; Sportsoziologie; Sport; Leistungssport; Gender Verifications; Historische Entwicklung; Funktionale Differenzierung