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ZfS, Jg. 35, Heft 4 (2006)

Pionierarbeit mit paradoxen Folgen? Zur neueren Rezeption der Raumsoziologie von Georg Simmel

Andrea Glauser

Zusammenfassung: Georg Simmel gilt heute unbestritten als Pionier im Bereich der Raumsoziologie. Er wird dafür gewürdigt, Räumlichkeit früh als eine soziologisch relevante Problematik entdeckt zu haben. Indes setzen sich zahlreiche Autorinnen und Autoren dezidiert von seinem Raumkonzept ab: Einerseits wird beanstandet, es handele sich dabei um eine »absolutistische« Position, die Raum jenseits menschlichen Handelns und Denkens situiere. Andererseits wird kritisiert, Simmel fasse Räumlichkeit als »vormodernen« Aspekt von Vergesellschaftung auf und habe so maßgeblich dazu beigetragen, dass in der Soziologie die Dimension des Raumes für längere Zeit aus Theoriebildung und Forschung verschwunden sei. Der vorliegende Beitrag will diese Kritiken genauer beleuchten und aufzeigen, weshalb sie an Simmels Raumauffassung vorbei gehen. Diese Interpretationen stehen einer differenzierten Diskussion von Simmels Arbeiten im Weg und trüben den Blick für den Umstand, dass diese Relevantes zu aktuellen raumsoziologischen Debatten beizusteuern haben: Zum einen, weil Simmel in einem entscheidenden Punkt radikaler ›kulturalistisch‹ argumentiert als manche gegenwärtige Position und damit eine Folie bietet, vor deren Hintergrund sich gewisse Leitunterscheidungen neuerer Konzepte kritisch befragen lassen; zum andern, weil sein Raumverständnis als forschungsleitende Perspektive hilfreich ist, um bestimmte Eigentümlichkeiten (spät)moderner Gesellschaft in den Blick zu bekommen.

Schlagworte: Geschichte der Soziologie; Raumsoziologie; Raum; Räumlichkeit; Simmel