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ZfS, Jg. 35, Heft 1 (2006)

Von Kommunikation über Ethik zu "ethischer Sensibilisierung": Symmetrisierungsprozesse in diskursiven Verfahren

Irmhild Saake, Dominik Kunz

Zusammenfassung: Im Anschluss an Wolfgang van den Daeles Behauptung, in diskursiven Verfahren entstünde eine Distanzierung von moralischen Authentizitätsansprüchen und eine Konzentration auf Sachargumente, soll in diesem Beitrag gezeigt werden, wie sich in klinischen ethischen Fallbesprechungen die spezielle Argumentationsform "ethischer Sensibilisierung" entwickelt. Unter dem Begriff der "ethischen Sensibilisierung" soll dabei eine Selbstbeschreibung der Mitglieder von ethischen Diskursen verstanden werden, bei der - schlichter als eine Habermassche Diskurstheorie dies vermuten würde - die Reversibilität jedweden Arguments zugunsten einer Kultur der reversiblen Argumente behauptet wird. Während Theorien deliberativer Entscheidungsfindung üblicherweise kontrafaktisch eine Zukunft, in der entschieden sein wird, fokussieren, entdeckt der empirische Blick in Formen der ethischen Beratung eine Gegenwart, in der das bessere Argument zunächst nur eine Asymmetrie (die der ärztlichen Expertise gegenüber allen anderen) produziert. Insofern in einer solchen Gegenwart des Diskurses die Asymmetrie selbst zum Problem wird, entstehen nun Disziplinierungsformen, in deren Gefolge ärztliche Expertise - als Prototyp kohärenter Argumentation - zunächst entwertet werden muss, bevor sie gelten kann. Die Kultur der "ethischen Sensibilisierung" lässt sich so als Argumentationstyp rekonstruieren, der zunächst einmal alles zerstört, was als vernünftiger Grund gelten kann.

Schlagworte: Ethische Diskurse; Diskurstheorie; Diskursive Verfahren; Ethik; Ethische Sensibilisierung; Klinische Fallbesprechungen; Medizin