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ZfS, Jg. 35, Heft 1 (2006)

Das Ökologieskript der Europäischen Union und seine Akzeptanz in den Mitglieds- und Beitrittsländern

Jürgen Gerhards, Holger Lengfeld

Zusammenfassung: Der fortschreitende Prozess der europäischen Integration lässt sich nicht nur als Zunahme europäischer Regelungen und der Ausbildung eines eigenständigen politischen Herrschaftsverbandes beschreiben, sondern auch als der Versuch der Etablierung einer europäischen Gesellschafts- und Werteordnung. Teil der Wertordnung der EU sind Ökologiewerte. Wir gehen der Frage nach, in welchem Maße die Bürgerinnen und Bürger der Europäischen Union und der Beitrittskandidaten die institutionalisierten Ökologiewerte der EU unterstützen. Zunächst rekonstruieren wir das Ökologieskript der EU unter Rückgriff auf die Entwicklung des Primär- und Sekundärrechts. Anschließend untersuchen wir mit Hilfe der Daten des "Gallup Millennium Survey" 1999 und des "ISSP" 2000, in welchem Maße die Ökologievorstellungen der EU von den Bürgern Europas geteilt werden und wie man gefundene Werteunterschiede erklären kann. Die Ergebnisse zeigen, dass die Zustimmungsraten der Bürgerinnen und Bürger zum Ökologieskript der EU recht hoch sind. Dies gilt aber nicht für alle Länder gleichermaßen. Die Bürger der EU-15-Länder sprechen sich stärker für den Vorrang der Umwelt vor der Wirtschaft aus als die Bürger der Beitritt I- und Beitritt II-Länder sowie der Türkei. Die gefundenen Unterschiede lassen sich vor allem auf den Grad der ökonomischen Modernisierung und den Anteil an Postmaterialisten in einem Land zurückführen. Diese Befunde deuten darauf hin, dass die mittelosteuropäischen Länder und die Beitrittskandidaten mittelfristig kaum weitergehende EU-Initiativen zum Umweltschutz unterstützen werden. Langfristig jedoch kann sich dies ändern, wenn die ökonomische Modernisierung der neuen Mitgliedsstaaten voranschreitet und sich in ihrem Gefolge die grundlegenden Werthaltungen ändern.

Schlagworte: Europa; Europäische Union; Werte; Ökologie; Ökologieskript; Modernisierung; Postmaterialismus; Gallup Millennium Survey; International Social Survey Programme