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ZfS, Jg. 35, Heft 1 (2006)

Bourdieu und Luhmann über den Wohlfahrtsstaat. Die Autonomie gesellschaftlicher Teilbereiche und die Asymmetrie der Gesellschaftstheorie

Barbara Kuchler

Zusammenfassung: Bourdieu vertritt die "linke" Auffassung des Wohlfahrtsstaats als Verteidigung der Autonomie der Politik gegenüber der neoliberal expandierenden Wirtschaft, Luhmann die "rechte" Auffassung des Wohlfahrtsstaats als Überdehnung der Zuständigkeit der Politik und Eingriff in die Autonomie anderer Bereiche. Dieser Unterschied soll nicht auf die politische Meinung des Theoretikers, sondern auf Strukturen der jeweiligen Theorie zurückgeführt werden. Bei Bourdieu macht sich hier die grundsätzlich asymmetrische Anlage seiner Theorie bemerkbar, die der Wirtschaft sowohl analytisch als auch real einen Primat zuweist. Die anderen Bereiche der Gesellschaft können dann eine relative Autonomie gewinnen durch Absetzung von der dominierenden Logik der Wirtschaft; jedoch blockiert diese Theorieanlage den Blick auf die Autonomie der Wirtschaft selbst und ermöglicht so eine einseitig linke Auffassung des Wohlfahrtsstaats. Bei Luhmann ist nicht etwa eine umgekehrte Asymmetrie, sondern vielmehr die besondere Betonung der Symmetrie der Teilbereiche involviert. Da jede andere, "linkere" Auffassung des Wohlfahrtsstaates, etwa als Sicherung der Autonomie anderer Teilbereiche vor zu enger Kopplung an Wirtschaft, eine tendenzielle Zentralstellung der Politik im Gefüge gesellschaftlicher Differenzierung bedeuten würde und Luhmann dies aufgrund seines Symmetriepostulats strikt ablehnt, bleibt er alternativlos auf die einseitig "rechte" Sicht des Wohlfahrtsstaats verwiesen.

Schlagworte: Theorievergleich; Wohlfahrtsstaat; Wirtschaft; Politik; Funktionale Differenzierung; Autonomie; Luhmann; Bourdieu