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ZfS, Jg. 34, Heft 3 (2005)

Die Welt als Wille und System. Oder: Eine Schopenhauerische Kritik der Systemtheorie Luhmanns

Ole Bjerg

Zusammenfassung: Dieser Aufsatz wirft die oft gestellte kritische Frage nach der Stellung des Menschen in Luhmanns Systemtheorie auf. Indem die Frage im Rahmen von Schopenhauers Philosophie und insbesondere seines Begriffs des Willens formuliert wird, umgeht sie die geläufige Antwort der Systemtheorie, dass der Mensch nur ein Umweltkorrelat der Beobachtungen der Systeme sei. Stattdessen wird argumentiert, dass die Systemtheorie in der Form ihrer Erklärungsweise, die auf die Frage fokussiert ist, wie Beobachtungen aneinander anknüpfen, eine Ähnlichkeit zu dem von Leibniz aufgestellten "Satz vom Grund" aufweist. Anhand von Schopenhauers Kritik des Satzes vom Grund wird gezeigt, wie unzulänglich und problematisch die systemtheoretische Erklärung gesellschaftlicher Phänomene ist. Diese Unzulänglichkeit besteht u. a. darin, dass die Theorie Probleme hat, Situationen "institutioneller Abdifferenzierung", in denen eine Vielfalt verschiedener Systeme simultan im Spiel sind, adäquat zu analysieren. Es wird vorgeschlagen, den Begriff des Willens in die Systemtheorie einzuschließen. Damit verschiebt sich der Fokus der systemtheoretischen Analyse von der Einheit der Systeme auf die gegenseitigen Bruchflächen zwischen den Systemen und auf den Moment, in dem "gewählt" werden muss, welche Beobachtungsform in "Tun" umgesetzt werden soll. Eine solche "Wahl" beruht notwendig auf dem Charakter des Willens.

Schlagworte: Theoriekritik; Schopenhauer; Luhmann; Systemtheorie; Soziale Systeme; Mensch; Wille; Wahl