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ZfS, Jg. 34, Heft 1 (2005)

Pfadabhängigkeit ist nicht gleich Pfadabhängigkeit!. Wider den impliziten Konservatismus eines gängigen Konzepts

Jürgen Beyer

Zusammenfassung: Das Konzept der Pfadabhängigkeit hat sich zu einem der meist genutzten Erklärungsansätze der sozialwissenschaftlichen und ökonomischen Forschung entwickelt. Die Stabilitätsneigung pfadabhängiger Prozesse wird hierbei in der Regel als ausgesprochen hoch eingestuft. Im Zusammenhang mit Pfadabhängigkeit ist vielfach auch vom institutionellen "lock-in" die Rede, was die Assoziation nahe legt, dass weitreichende Pfadabweichungen oder Pfadwechsel als Ausnahmefälle betrachtet werden können. Der Beitrag unterzieht die vermeintlich allgemein gegebene Stabilitätsneigung pfadabhängiger Prozesse einer kritischen Prüfung. Die in der Literatur vorfindbaren Differenzen in der Begründung von Pfadabhängigkeiten deuten darauf hin, dass verschiedene kontinuitätssichernde Mechanismen wirksam sein können, wenn von Pfadabhängigkeit die Rede ist ("increasing returns", Komplementarität, Sequenzen etc.). Da die Mechanismen in unterschiedlicher Weise für grundlegenden Wandel anfällig sind, kann der Begriff der Pfadabhängigkeit nur als bedingt erklärungskräftig angesehen werden. Die ergänzende Benennung des jeweils zugrunde liegenden kontinuitätssichernden Mechanismus' ist demnach geboten, wenn der empirische Wert einer Aussage über ein an sich belangloses, weil immer zutreffendes "history matters" hinausgehen soll. Mit der Identifizierung von Mechanismen treten Chancen für intendierte Richtungswechsel ins Blickfeld der Betrachtung, womit auch einem impliziten Konservatismus des Pfadabhängigkeitstheorems entgegengewirkt werden kann.

Schlagworte: Institutionen; Historizität; Pfadabhängigkeit; Stabilität; Wandel