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ZfS, Jg. 33, Heft 6 (2004)

Folgen und Funktionen organisierten Rechnens

Hendrik Vollmer

Zusammenfassung: Organisiertes Rechnen umfaßt Praktiken wie Buchführung, Kostenrechnung, Controlling, Bilanzierung, Budgetierung, Evaluation und eine ganze Reihe weiterer Formen organisierten Umgangs mit Zahlen. Trotz eines produktiven interdisziplinären Diskurses über organisiertes Rechnen unter dem englischen Oberbegriff des "Accounting" hat die Soziologie diesen Gegenstandsbereich seit Weber und Sombart weitgehend unbeachtet gelassen. Der Aufsatz bemüht sich um eine Wiederbelebung soziologischer Aufmerksamkeit. Zunächst diskutiert er, in Abgrenzung von der dominierenden betriebsökonomischen Reflexionstheorie, Systemfunktionen des Umgangs mit Zahlen im Rahmen der Aufrechterhaltung organisierter Sozialordnungen. Die Stiftung von Wirklichkeiten durch die Reproduktion von Zahlen aus Zahlen erweist sich diesbezüglich als dominant. Unter historischen Gesichtspunkten zeigt sich allerdings, daß die Dominanz dieser Systemfunktion erst daraus resultiert, wie sich der Umgang mit Zahlen in organisierten Sozialordnungen der Gegenwart eingelebt hat: in der Artikulation und Abarbeitung von Ordnungs- und Regulierungsansprüchen, der Verdichtung von Lebenswelt, der Entstehung derivativer Zahlenspiele. Erst diese eingelebten Formen des Umgangs mit Zahlen bringen organisierte Sozialordnungen in zunehmende Abhängigkeit von ihren Zähl- und Rechenapparaturen und ziehen weiteres Organisieren derart nachhaltig in den Bann organisierten Rechnens, daß selbst auf Fälle spektakulären Versagens à la Enron und Parmalat nur der Ruf nach anderen, besseren und (im Zweifelsfall immer) mehr Zahlen folgt.

Schlagworte: Wirtschaftssoziologie; Finanzsoziologie; Organisationssoziologie; Organisiertes Rechnen; Praktiken; Organisation; Zahlen; Accounting; Rechnungswesen