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ZfS, Jg. 32, Heft 4 (2003)

Die Evolution von Fairnessnormen im Ultimatumspiel. Eine spieltheoretische Modellierung

Manuela Vieth

Zusammenfassung: Das Ultimatumspiel beschreibt eine soziale Verhandlungssituation, in der Fairnessüberlegungen bei der Aufteilung eines Gutes relevant werden können. In spieltheoretischen Experimenten werden mehrheitlich gleichmäßige Aufteilungen vorgenommen und geringe Angebote durchaus abgelehnt. Diese Befunde wiedersprechen der spieltheoretischen Vorhersage, wenn sie auf materiellen Nutzen eingeschränkt wird. Um faires Verhalten (und allgemein Moral) zu erklären, müssen daher andere als materielle Anreize ebenfalls in Betracht gezogen werden. In diesem Beitrag wird ein neues evolutionäres Fairnessmodell vorgestellt, das die Ablehnung von Angeboten im Ultimatumspiel aus dem Blickwinkel der Rational Choice Theorie erklärt. Frank (1992) folgend, werden Emotionen als Signale eingeführt. Diese können Sanktionsdrohungen Glaubwürdigkeit verleihen, wenn sie bei anderen erkennbar sind. Binmore und Samuelson (1994) haben eine "Fehlerwahrscheinlichkeit" (noise level) vorgeschlagen, um faires Verhalten zu erklären. Diese wird hier nicht als zufälliges Fehlverhalten, sondern als Erkennungswahrscheinlichkeit mit Franks Idee der "Überprüfungskosten" (inspection costs) verknüpft. Mit diesem Modell sind Computersimulationen durchgeführt worden. Die Ergebnisse zeigen, dass eine Fairnessnorm (disjunkte soziale Norm) entstanden sein und sich erhalten haben kann: Für diejenigen, die ein Angebot erhalten, ist es evolutionär betrachtet vorteilhaft, niedrige Angebote abzulehnen, weil dadurch das Angebotsverhalten insgesamt erhöht wird. Anhand des hier vorgestellten Modells ist somit erklärbar, dass es durchaus dem rationalen Eigeninteresse des Menschen entspricht, sich an Fairness zu orientieren.

Schlagworte: Soziale Normen; Spieltheorie; Ultimatumspiel; Evolutionäres Fairnessmodell; Rational Choice