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ZfS, Jg. 30, Heft 1 (2001)

Von moralischer Kommunikation zur Kommunikation über Moral - Reflexive Distanz in diskursiven Verfahren

Wolfgang van den Daele

Zusammenfassung: Rituale der Konfrontation und Empörung sind an der Tagesordnung, wenn moralische Konflikte in öffentlichen Arenen ausgetragen werden. In diskursiven Verfahren finden sie jedoch kaum einen Niederschlag. Die Analyse der Kommunikationsprozesse in einer partizipativen Technikfolgenabschätzung zu gentechnisch veränderten Pflanzen zeigt die Mechanismen, die im Diskurs die Dramatik des Moralisierens unterbinden: (1) Die sozialen Kontrollen des Diskurses erzwingen einen sachlichen Kommunikationsstil, der die Verletzung des Gegners durch moralische Diskreditierung ausschließt. (2) Die Rigorismen der geltenden Moral laufen ins Leere, weil die Konfliktparteien sich demonstrativ Konsens bescheinigen. Was dann noch umstritten bleibt, sind häufig Wertungen, die nicht kategorische moralische Ansprüche betreffen, sondern wählbare politische Ziele. (3) Soweit es tatsächlich zum Zusammenprall inkompatibler moralischer Ansprüche kommt, weicht der Diskurs auf Prozeduralisierung aus. Man wechselt von Fragen der Moral zu Fragen des Umgangs mit Differenzen der Moral. Diskurse tendieren dazu, einen Pluralismus von Moral zu legitimieren und Toleranz für die jeweils Andersdenkenden zu fordern. Eben deshalb ist nicht zu erwarten, dass man moralische Konflikte, die fundamentalistische Schärfe erreichen, wirksam in diskursive Verfahren einbinden kann.

Schlagworte: Moral; Diskurs; Diskursive Verfahren; Kommunikationsstile; Partizipation; Partizipative Technikfolgenabschätzung